Leseprobe

Inspektor Garnet grinste und streckte mir die Hand entgegen.

„Michael Short! Immer noch in der realen Existenz, wie ich sehe?“

Ich verzog das Gesicht. Garnet wusste, dass ich es hasste, beim Vornamen gerufen zu werden. Er ignorierte es wie üblich. Ich tat mein Bestes, um mir die schlechte Laune nicht anmerken zu lassen, aber Garnet hatte mich durchschaut – wie üblich.

„Wenn Sie so weitermachen, werden Sie sich noch die letzten Kontakte vergraulen“, spöttelte er und half mir aus meinem Gleiter. „Wie viele haben Sie denn noch? Drei oder vier?“

Wir gingen zum Rand des Flachdaches, auf dem ich gelandet war. Ein Team von der Spurensicherung war dabei, seine Ausrüstung zusammenzupacken und in einem Flugtransporter zu verstauen. Daneben stand Garnets kleiner schwarzer Dienstgleiter.

„Wenn Sie es genau wissen wollen: Neunundvierzig“, knurrte ich und ärgerte mich im selben Augenblick, dass er mich aus der Reserve gelockt hatte.

Für Garnet und die meisten Leute war ich ein halbsozialer Sonderling, um den der Strom des Lebens einen großen Bogen machte. Wer weniger als dreihundert Kontakte hatte, galt als suspekt. Schon allein zur Sicherung der existenziellen Grundbedürfnisse war ein Mindestmaß an Sozialkontakten erforderlich. Hinzu kamen Freunde, Kollegen, Geschäftspartner, Liebschaften und eine kleinere Anzahl von Zeitgenossen, mit denen man auch in der realen Existenz verkehrte. Ich machte mir nicht viel aus dem sozialen Netz. Ich hatte nicht einmal zehn Online-Avatare. Ich bevorzugte eine gewisse altmodische… Privatsphäre.

„Treffen Sie sich immer noch mit dieser Mia?“ Garnet klang belustigt. „Seien Sie bloß vorsichtig, Michael! Sie werden noch an chronischer Monogamie sterben.“

Ich hatte genug von seinen Sticheleien und schaltete auf Provokation. „Die Vorteile der Promiskuität werden gewaltig überschätzt, Garnet. Für Sie mag es normal sein, sich mit immer neuen Geliebten zu umgeben, aber Sie können sich gar nicht vorstellen, was Ihnen ohne eine dauerhafte Paarbeziehung entgeht. Wenn ich meine Mia habe, sind mir sämtliche Kontakte der Welt völlig egal. Und außerdem“, fügte ich so kühl hinzu wie es mir möglich war, „wäre es schön, wenn Sie mir endlich sagen würden, weshalb wir frühmorgens auf dem Dach eines Wolkenkratzers stehen.“

Der Inspektor lächelte mitleidig und entrollte einen Taschencomputer. Der Bildschirm zeigte das Foto einer grausam zugerichteten Leiche. Sie lag in einer Blutlache, die Extremitäten grotesk abgeknickt. Anscheinend eine junge Frau, der man die Knochen gebrochen hatte. Ein widerlicher Anblick.

„Sie wissen doch, dass ich nicht mehr im Geschäft bin, Garnet. Außerdem waren Gewaltopfer nie mein Metier.“ Ich wandte mich zum Gehen.

„Sie ist hier vom Dach gesprungen.“

Ich war sicher, dass ich mich verhört hatte. Niemand brachte sich auf solch halbsoziale Weise um. Ich betrachtete erneut die Aufnahme, dann blickte ich über den Rand des Hundertstöckers nach unten. Zwischen den Häuserschluchten rauschten Magnetbahnen und Gleiter hin und her, und irgendwo ganz unten musste der Erdboden sein. Ein plötzliches Schwindelgefühl veranlasste mich, den Kopf schnell wieder zurückzuziehen.

„Genauso ging es mir auch“, grinste Garnet, der mich beobachtet hatte. „Man kann sich gar nicht vorstellen, dass irgendjemand freiwillig dort hinunterspringen würde.“

Die Angst vor dem Abgrund. Dazu der soziale Schaden. Wenn man sich schon umbringen wollte, dann sozialverträglich mit dem Desintegrator, oder – die hedonistische Variante – durch Einnahme einer Überdosis Deliriumtropfen. Niemand sprang von Gebäuden.

„Woher wissen Sie, dass es kein Unfall war?“, fragte ich mit einer Mischung aus Ekel und Faszination.

„Durch die Analyse der Mikrofrakturen und ein Molekularscreening konnten wir Flugbahn und Absprunggeschwindigkeit berechnen. Sie stand am Rand des Daches und hat einfach einen Schritt nach vorne getan.“

„Äußerer Zwang?“

„Der Zugang zum Dach ist mit einer Infrarotbarriere gesichert. Sie ist vergangene Nacht nur ein einziges Mal durchbrochen worden. Eine zweite Person hätte die Barriere nach dem Mord erneut durchbrechen oder mit einem Gleiter entkommen müssen. Für beides haben wir keinerlei Anzeichen gefunden.“

Natürlich war es möglich, eine Infrarotbarriere mit gewissem Aufwand zu umgehen. Aber Garnet hatte Recht. Wer einen solchen Aufwand trieb, um einen Mord zu vertuschen, hätte von vornherein eine unverfänglichere Methode gewählt. Diese ungewöhnliche und Aufsehen erregende Todesart forderte Nachforschungen geradezu heraus. Offenbar hatte sich die Frau tatsächlich selbst umgebracht.

„Warum ich?“

Garnet sah mich mit seinem Sie-wissen-genau-warum-Blick an und entgegnete: „Nach der Netzwerkanalyse sind wir uns sicher, dass die Tote eine Prostituierte mit wenigen Kontakten war. Und wie Sie wissen“, seufzte er, „bedeutet das, dass eine Strafverfolgung sozial unrentabel wäre, da sie zu viele Ressourcen binden würde.“ Er blickte dem Transportgleiter nach. „Abgesehen davon war es allem Anschein nach Selbstmord, deshalb ist der Fall für uns erledigt.“

„Sie wollen aber trotzdem gerne wissen, wie jemand auf die Idee kommt, sich von einem Hochhaus zu stürzen“, ergänzte ich.

Garnet setzte wieder sein schelmenhaftes Grinsen auf. „Da ich den letzten Fall mit weniger Ressourcen als veranschlagt abschließen konnte, dachte ich mir, Sie würden sich Ihre Rente aufbessern wollen. Außerdem“ – das Grinsen wurde noch breiter – „brauche ich hierfür jemanden, der Erfahrung mit pathologischer Individualität und halbsozialem Verhalten hat. Und wer wäre da besser geeignet als Michael Short?“

* * *

Dies ist ein Auszug aus meiner Kurzgeschichte Netzwerk, die im Verlagswettbewerb WELTENTOR 2010 in der Kategorie Science-Fiction unter 158 Einsendungen den 2. Platz errang. Die aus den 30 besten Geschichten entstandene Anthologie WELTENTOR: Science-Fiction wurde als zweitbeste Kurzgeschichtensammlung des Jahres mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet.

Leseproben aus Texten, an denen ich momentan gerade arbeite, gibt es immer mal wieder im Blog auf der Hauptseite.

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